Der Tegernseer von Kopf bis Fuß

Ein Hemd namens Pfoad

»Anno 1469 machte der Schneider dem Jackl Mair ain grabe rockh und ain pfaidt«, so ist es in der Egerner Chronik des Pfarrers Johann Nepomuk Kißlinger nachzulesen. Ein Pfaidt oder ein Pfoad ist ein Hemd und die Herkunft dieses Wortes ein kleines Geheimnis: Sprachforscher zählen es zu den bayerischen »Kennwörtern«, die aus dem Gotischen, vielleicht sogar aus dem Griechischen, stammen; Johann Andreas Schmeller spricht von »Pfait« aus dem gotischen »paida«.

Kirchmusik-Tanz in der Umgebung von Tegernsee« um 1825
Lithografie: Sammlung Eisenburg

Ein Pfoad konnte man früher nicht – wie heutzutage ein Hemd – im Laden kaufen, es wurde wie die übrige Kleidung vom Schneider oder später auch von einer Schneiderin genäht. Der Gmünder Heimatforscher Ludwig Lechner schreibt 1913. »Die Weiberleut tragen immer rupfene Hemden und die Männer tragen an Werktagen rupfene seltner leinwerchene Hemden (Pfoad).« Und bei Kißlinger heißt es noch: »Bis in die jüngste Zeit war das Spinnrad in jedem Hause anzutreffen. Auch waren es Frauen, die sich mit Weben befassten. Es wurde Loden und Leinen gewebt.« Das Wort »Pfoad« findet sich natürlich immer wieder im Volkslied, so heißt es: »Der Bauer und sei Hund I Hamma's Mensch ned vagunnt / Hab's scho g'habt an dem Pfoad / Hamma's wieda verjoad...« Oder: »D'Welt is ma jetzt ganz valoadt / Will na lieber a Klosterpfoad« (Kutte).

Die hier abgebildete zeitgenössische Darstellung stammt von dem Künstler Lipowsky und zeigt »Kirchmusik-Tanz in der Umgebung von Tegernsee« um 1825 (aus P.E. Rattelmüller, »Dirndl, Janker, Lederhosen«).

Auch heute tragen die Mannerleut zur Tracht leinene Hemden. Zu den ältesten Formen gehört das kragenlose Hemd, später wird es mit einem Stehkragen und dann auch mit einem Umlegekragen genäht. Heute sind beide Formen gebräuchlich. Zum Umlegekragen gehört der Flor, beziehungsweise das Seidentuch, welches sich zum Schmisl und Krawattl entwickelte. Ein Schmisl ist ein Seidentüachal mit einem Knopf gebunden, die Enden stehen ab. Das Krawattl (ihm gaben, wohl in den Zeiten der Pandurenkrieger, die Kroaten oder »Krawottischen« den Namen) wird mit einem Knoten gebunden und das Schleifer!, gewebt oder aus Seide, wird als Schleife gebunden. Ganz Extrige tragen nur einen Silberknopf als Kragenzier. Die Ärmel sind beim Pfoad an den Achseln sehr weit und gefächelt, an der Hand mit einem schmalen Bündchen abgeschlossen.

Wichtig ist das Schilee (Gilet, aus dem Französischen, oder Weste), es gehört zum Gwand. Meist ist es aus grünem Tuch normal ausgeschnitten, hochgeschlossen oder auch oval ausgeschnitten, damit der Hosenträger mit seiner Zier zu sehen ist. Geschlossen wird es mit Silberoder Hirschhornknöpfen. Behebt ist auch die Samtoder Plüschweste für festliche Anlässe. Oft waren diese Westen zweireihig, dazu trägt man eine Taschenuhr an der Uhrkette. Zum guaten Gwand gehört immer die Weste, genauso zur Trachtenjoppe.

Es wäre früher undenkbar gewesen, wie heute leider oft zu sehen, dass man nur mit der Weste, ohne Joppe zum Beispiel, in die Kirche ging. Es gibt immer Veränderungen, das ist richtig und auch normal, nur darf es nicht so weit gehen, dass Bewährtes dem Zeitgeist geopfert wird. Unsere überlieferte Tracht ist heute noch so kleidsam und schön wie vor hundert Jahren. Geändert hat sich das Angebot, das Leinen ist nicht mehr so grob, zum Teil gibt es nur Haibeinen, dadurch feiner. Heute findet man kaum noch einen Schneider oder eine Schneiderin, die Hemden näht, dafür ist aber das Angebot in den Geschäften reichlich. Etwa beim Greif in Rot-tach oder bei der Hornsteiner in Gmund und anderen, wo man die Tradition noch hochhält.

Beni Eisenburg

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